Im Jahre 1893, ein Jahr nach Gründung der SPD in Bayern, wurden zum ersten Mal Sozialdemokraten in den Bayerischen Landtag gewählt, fünf an der Zahl, angeführt von Georg von Vollmar. Und noch im gleichen Jahr wurde in Gauting ein Ortsverein der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gegründet.

Die Jahreszahl 1893 steht in goldenen Ziffern auf der roten Fahne des Ortsvereins der Gautinger Sozialdemokraten und ist zugleich auch der einzige Beleg dafür, dass der SPD-Ortsverein in jenem Jahr erstmals die politische Bühne in der damals noch kleinen Würmtalgemeinde betrat. Denn es gibt weder Aufzeichnungen über das genaue Gründungsdatum noch über Namen und Anzahl der Gründungs-mitglieder. Entsprechend lieb und teuer ist den Gautinger Genossinnen und Genossen denn auch dieses historisch wertvolle Stück Tuch, das eine wechselvolle Geschichte erzählen kann.
Zum Beispiel stürzte sich ein Genosse namens Peter Liebhard in die Flammen und rettete die Fahne, als 1894 im Vereinslokal ein Feuer ausbrach. Das war damals die Gastwirtschaft „Würmbad“ am Hauptplatz, heute das einstige Tengelmanngebäude. Oder im Jahre 1933: Da stürmt die örtliche SA der Nationalsozialisten das Vereinslokal, um sich die Fahne der „Sozis“ mit Gewalt zu holen – allerdings vergeblich. Eine beherzte Genossin namens Karoline Engelhard hat sich die Fahne unterm Rock um den Bauch gebunden und entwischt damit nach Hause.

Das Dritte Reich überdauert unsere Fahne unter der Matratze von Benedikt Fischer, wo bei einer Hausdurchsuchung nicht einmal die Gestapo sie entdeckt. Beni wurde später zweiter Bürgermeister und Ehrenbürger von Gauting. Das Tuch ist inzwischen dünn geworden und ein wenig zerschlissen, doch die goldfarbenen Worte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ sind noch gut lesbar. Damit dies auch so bleibt, wurde jetzt ein prächtiges neues Gestell aus Messing angeschafft, an dem die Fahne bei feierlichen Anlässen gebührend aufgehängt und hergezeigt werden kann.

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